Greifswald im Jahre 1917

Text: Sup. i.R. Rainer Neumann, Greifswald
Titelbild: Lutherhof Greifswald, historische Ansichtskarte, Sammlung Niebergall

Es war ein kühler Tag in Greifswald, vielfach neblig ohne erhebliche Niederschläge, aber mit Nachtfrostgefahr, der 31. Oktober 1917, an dem man zum 400. Mal an den Beginn der Reformation erinnerte. Das „Greifswalder Tageblatt“ machte quer über alle Spalten mit der Schlagzeile auf „Udine von den verbündeten Truppen genommen“. Mittig darunter, wie fast jeden Tag, die deutschen Heeresberichte über den westlichen und den östlichen Kriegsschauplatz. Rechts davon an diesem Tag einspaltig „Erfolge deutscher U-Boote“ und links ausnahmsweise ein nicht kriegsbezogenes Thema: „Reformationsjubiläum“. Fast jeden Tag gab es eine Erfolgsmeldung, meist auf ganzer Zeitungsbreite, wie am 29. Juli: „Deutsche Flieger werfen Bomben auf Paris“ oder am 22. August: „Guter Verlauf des ersten Verdun-Schlachttages“. Das war die Großwetterlage.

1917-greifswalder-tageblatt-99-31-10-1917Nicht so glorios sah es in Greifswald im dritten Kriegsjahr aus. Da waren die Folgen und Einschränkungen tagtäglich zu spüren: Todesanzeigen gehörten zum Alltag und bei Beerdigungen sollte an der Trauerkleidung gespart werden. Statt Ledersohlen trug man „die deutsche Holzsohle“ wie das Kaufhaus Rudolph Karstadt inserierte – man sollte sie auf noch unbeschädigte Ledersohlen aufnageln – oder überhaupt barfuß gehen wie die Kinder in der warmen Jahreszeit. Eicheln und Kastanien wurden im August 1917 beschlagnahmt und mußten abgeliefert werden, an die Lebensmittelkarten hatte man sich inzwischen gewöhnt: im Juli 1917 lief die 125. Brotkartenwoche, dazu gab es Speisefett-, Zucker, Fleisch-, Seifen-, Kartoffel- und Eierkarten. Wenn es einmal geringe Mengen von Salzheringen gab, berichtete das Greifswalder Tageblatt darüber. Neue Gasanschlüsse sowie die Aufstellung von Gasbade- und Gaszimmeröfen wurden im August 1917 verboten. Die Kriegsunterstützung verband alle Schichten und die kommende Revolution konnte sich kaum jemand vorstellen.

1917-greifswalder-tageblatt-66Das Greifswalder Stadttheater spielte meist heitere Stücke, so im Februar 1917: „Das Dreimäderlhaus“, die Lichtspiele im Stadttheater zeigten im Juli „Der verliebte Gummiball – eine reizende Komödie“. Im November stand immerhin Gerhart Hauptmanns Stück „Der Biberpelz“ auf dem Spielplan sowie das von Greifswalder Bürgern gespielte Stück von Friedrich Lienhardt: „Luther auf der Wartburg“, geschrieben 1906. Für einen Logenplatz hatte man hierfür 3,55 Mark zu zahlen, wobei zu dieser Zeit ein Zentner Brikett ab Lager für 2,10 Mark zu erhalten war, davon betrug 20% allein die Kohlesteuer. Immer wieder wurde für Wertstoffsammlungen inseriert, etwa für Goldablieferungen: „Seid nicht weich, wenn an einem Goldschmuck liebe Erinnerungen haften. Mancher hat den einzigen Sohn dem Vaterlande opfern müssen“ – kursiv die groß und fett gesetzten Teile.

1917-greifswalder-tageblatt-57Drei Jahre zuvor, bei Kriegsbeginn im August 1914, wird Greifswald eine Stadt von 25.000 Einwohnern mit 140 kleinen Händlern und 600 Handwerksbetrieben beschrieben. Sie war eine Universitäts- Militär-, Beamten- und Handwerkerstadt und dazu bevorzugter Altersruhesitz der ländlichen Adelsfamilien. Die Universität hatte im Sommersemester 1917 insgesamt 1.193 Studierende und von der Bevölkerung gehörten über 90% der evangelischen Kirche an, für die sieben Pastoren und der Stadtsuperintendent zuständig waren. Es war eine mit vielen Vereinen und Korporationen aktive und gut gegliederte Kleinstadt, die von den Institutionen und vom regionalen Handel lebte.
Der 1. Weltkrieg brachte „eine bis dahin unvorstellbare Politisierung der gesamten Bevölkerung“, so der Historiker Klaus Mathiesen, und überlagerte die bisherigen Milieugrenzen. Die Kirche hoffte, die zunehmende Säkularisierung durch ihre kriegsunterstützende Haltung zu bremsen. Aber auch hier gab es Einschnitte: Alle Kirchen hatten Glocken als Rohstoffe abzuliefern, eine Nikolaiglocke wurde im November sogar im Turm für den Transport zerschlagen. In einer Arbeitspause hatten sich Schulkinder „Andenken“ besorgt, etwa Engelköpfe dieser Glocke. In der Zeitung wurde daraufhin auf die Strafbarkeit des Metalldiebstahls hingewiesen und um Rückgabe gebeten, um polizeiliche Maßnahmen zu vermeiden. Auch Pfeifen der Orgelprospekte fanden ihren Weg in die Schmelze.

1917-greifswalder-tageblatt-26Seit Frühsommer 1917 tagte ein städtisch-kirchlicher Vorbereitungskreis für das Reformationsjubiläum unter Leitung des Superintendenten Pfeiffer, die beiden Greifswalder Zeitungen brachten Artikel zur Reformationsgeschichte und im Juli konnte man in der Aula eine „Luther-Ausstellung der Königlichen Universität“ besichtigen, wobei statt alle zehn Jahre auch ausnahmsweise der Croy-Teppich gezeigt wurde.

1917-greifswalder-tageblatt-85Anders als in manch anderen Städten des Kaiserreichs wurden die Feierlichkeiten zum 400. Jahrestag der Reformation nicht abgesagt oder in kleinem Rahmen gefeiert – im Gegenteil. Am Reformationstag selbst gab es einen Festzug durch die Lange Straße zum Marktplatz hin, wo man sich in drei Gruppen aufstellte und dann in die drei evangelischen Kirchen zum Gottesdienst ging. Am späten Vormittag fand eine Feier der Universität in der Aula statt und ein Volksabend im Kaisersaal. Im Lutherhof fanden von Oktober bis Dezember mehrere Vorträge zur Reformation statt, es gab Schulfeiern und Aufführungen, zwei Sammlungen und Ende November 1917 wurde die bisherige Papenstraße in Martin-Luther-Straße umbenannt.

Die Vermischung von „protestantischer Tradition und Theologie mit den nationalistischen Kriegszielen“ zeigt sich in vielen vom Jubiläum vorliegenden Texten, beispielhaft das Vortragsthema beim Volksabend in der Stadthalle: „Luther, der deutsche Volksmann“. Bei der Veranstaltung wurde auch das Lied „Verzage nicht, du Häuflein klein“ gesungen wobei der Schlußtext lautete: „Gott ist mit uns und wir mit Gott, den Sieg woll’n wir erlangen“ berichtet Mathiesen.

Insofern stand die Durchführung des 400. Reformationsjubiläums in Greifswald unter dem deutlichen Zeichen von Durchhalten und Kriegsunterstützung.